"Der Schlaf in den Uhren" Warum Uwe Tellkamps neuer Roman nicht überzeugt

Am 16. Mai erscheint der neue Roman des Dresdner Schriftstellers Uwe Tellkamp im Suhrkamp Verlag: "Der Schlaf in den Uhren". Große Erwartungen sind damit verbunden: Ist er eine Fortsetzung des Bestsellers "Der Turm" von 2008? Unser Literaturkritiker stellt das Buch vor, dessen Handlung im Jahr 2015 beginnt, und ist nicht überzeugt. Trotz mitunter schöner Passagen mute der 900 Seiten lange Roman durch diffuse Handlungsstränge, Zeit- und Ortssprünge an, wie ein Sammelsurium aus vielen Notizen. Eine Kritik:

Wer den "Turm" kennt, liest das neue Buch von Uwe Tellkamp natürlich als dessen Fortschreibung. Der Dresdner Autor hat viele Handlungsorte, Zeitebenen und vor allem Personen auch in sein neues Buch übernommen – und sowieso seinen recht eigenwilligen Sprachduktus mit teils mäandernden Sätzen und kruden Bildern. Tellkamp erweist sich darin vor allem als Chronist persönlicher Wahrnehmung und Wertung.

Vor und zurück und hin und her in der deutsch-deutschen Geschichte

Tellkamps Alter Ego Fabian, Mitarbeiter im Seeminenreferat und der Tausendundeinenachtabteilung – eine "Sicherheit", die alles kontrollieren, wissen und in der Hand haben will, angeblich sogar die Wiedervereinigung steuert, um sie später zu unterwandern – soll dazu eine Chronik schreiben.

Als Ich-Erzähler wandert er dazu durch die unterirdischen Labyrinthe einer Kohleninsel, streift immer mal wieder die sogenannte Wendezeit, geht weit zurück in die deutsch-deutsche Geschichte, berührt konkrete Ereignisse aus der sächsischen Provinz ebenso wie historisch relevante Orte (das alte Bonner Regierungsviertel, die Szene vom Prenzlauer Berg, die Situation der Prager Botschaft im Sommer und Herbst '89). Darin eingestreut sind Momentaufnahmen der realen Flüchtlingskrise im Jahr 2015. – Um die damalige Bundeskanzlerin vorzuführen? Um einer wie auch immer gearteten Meinung aus dem Volk Gehör zu verschaffen? Viele Fragen bleiben offen.

Tellkamp fabuliert ein fiktives Treva herbei und lässt darin konkrete Figuren aus Kunst, Kultur und Politik erscheinen, die er mal mit Klarnamen auftreten lässt, oft aber auch mit lausigen Alias-Namen ausstattet. Aus sattsam bekannter Kritik am DDR-System leitet er sein Unbehagen mit heutigen Verhältnissen ab, stellt vermeintliche Verflechtungen von Medienindustrie und Politik her, blättert ein Kaleidoskop aus struktureller Unterwanderung auf.

Diffuse Handlungsstränge und fragwürdige Ungereimtheiten

Diffus sind die vielfältigen Handlungsstränge. Da wird zwischen den Zeiten und Orten munter gesprungen, geht die Übersicht auch mal verloren, die an anderen Stellen dann aber wieder äußerst detailverliebt aufgefächert wird. Einzelne Stichworte wie Seeminen oder Schmetterlinge ziehen endlos lexikalische Abhandlungen und Auflistungen nach sich. Bald ist die Lektüre mit der Ahnung verbunden, dem nächsten Stichwort könnte ein ähnlich langatmiges Beschreiben folgen. Das lässt tatsächlich nicht lang auf sich warten und listet alle nur denkbaren Arten von Rasiermessern auf, sichtet die Farbe Gelb, widmet sich seitenlang Hermann Glöckner, ohne jedoch Neues über ihn sagen zu können.

Fragwürdig sind Ungereimtheiten: Wenn Fabian bis 1989 Dissident gewesen sein soll und als Filmvorführer gearbeitet hat, wie konnte er dann als Spitzel auf Werner Tübke bei dessen Arbeit am Bauernkriegspanorama angesetzt worden sein? In einer besonders simpel geschilderten Episode wird die Banalität der Macht in Wandlitz dargestellt, dicht dran an den Genossen von einst. Wenn das Humor gewesen sein soll, dann von der sehr sparsamen Sorte. Ernsthaft gefragt werden muss aber, wie Fabian seine "Karriere" im heutigen Informationsdienst hat fortsetzen können?

Eindrucksvoll hingegen schildert Tellkamp eine Hausdurchsuchung und die Festnahme von Fabians Eltern, die bedingungslose Aufmüpfigkeit seiner Schwester, (Gedanken-)Gänge durchs Dresdner "Turm"-Viertel Weißer Hirsch. Ein Segeltörn hingegen vom Fluchtpunkt Hiddensee aus verwässert dann wieder in ausufernder Detailverliebtheit.

Wer etwas über Tellkamp erfahren will, sollte dieses Buch lesen

Gewiss haben die Figuren ein literarisches Eigenleben, doch dahinter steckt offenbar sehr viel Uwe Tellkamp, der ja in den vergangenen Jahren mit einigen Aussagen durchaus für Verwirrung, für Interpretation und vielleicht auch für Fehlinterpretation zu sorgen verstand. In "Der Schlaf in den Uhren" hat er nun Zeugnis abgelegt. Wer etwas über Uwe Tellkamp erfahren will, sollte dieses Buch lesen.

Langatmigkeit und eine mitunter arg verquast wirkende Sprache muss in diesem Verwirrspiel, an dem sich der Autor womöglich selber am meisten ergötzt, freilich in Kauf genommen werden. Mitunter entsteht gar der Eindruck, dieser Roman sei ein Sammelsurium aus vielerlei Notizen und Entwürfen, Stilübungen und Etüden, die nun beinahe ungeordnet als Buch veröffentlicht worden sind. Vielleicht trifft der folgende Satz, auch wenn er in Uwe Tellkamps Roman "Der Schlaf in den Uhren" gewiss ironiefrei gemeint ist, die Essenz dieses Buches:

Dabei kam der Mann gar nicht zum Punkt, sondern schwadronierte in endlosen Schleifen um den heißen Brei, das hatten ihm schon manche seiner Leser vorgeworfen. Der Kerl will auf Kunst machen.

Aus "Der Schlaf in den Uhren" von Uwe Tellkamp
Uwe Tellkamp: Der Schlaf in den Uhren
Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Informationen zum Buch Uwe Tellkamp: "Der Schlaf in den Uhren"
Suhrkamp-Verlag
904 Seiten, 32 Euro
Erscheinungstermin 16. Mai
ISBN: 978-3-5184-3100-9

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Mai 2022 | 08:10 Uhr

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